Holzfund auf dem Nano-Planeten
Dass China mit Hochdruck an der Nanotechnologie forscht, bezeugt das neue Exhibition Center of CANNANO. Im sphärischen Holzkuppelbau bekommt die Forschung eine Bühne, auf der die Hightech-Ästethik zelebriert wird.
Experten zufolge gibt es kaum ein Feld, das mehr disruptives Potenzial birgt als die Nanotechnologie. Sie beschäftigt sich mit Strukturen, deren Größe sich im Nanometer-Bereich bewegt. Ein Nanometer entspricht dem milliardsten Teil eines Meters und beschreibt die Dimension von Atomen und Molekülen. Die physikalischen, chemischen und biologischen Eigenschaften, die Materialien auf dieser Ebene aufweisen, will sich die Nanotechnologie zunutze machen. Man findet sie heute schon in einigen Alltagsprodukten wie Sonnencremes, beschichteten Pfannen und Smartphone-Akkus. China hat massiv in die Nanowissenschaft investiert und entsprechende Forschungszentren eingerichtet. Um den Innovationen auf diesem Gebiet ein Schaufenster zu geben, hat man in Guangzhou, der drittgrößten Stadt der Volksrepublik, das Exhibition Center of CANNANO errichtet.
Zwei unabhängige Konstruktionen
Der sphärische Bau lädt geradezu dazu ein, den Assoziationen freien Raum zu lassen. Im konzentrisch angeordneten Gebäudeensemble des Innovationsparks für Nanotechnologie bildet die transparente Kugel eine Art kosmischen Mittelpunkt, um den sich alles dreht. Ein eigener Nano-Planet, der den allerkleinsten Teilchen der Materie gewidmet ist. Eine Hightech-Schneekugel, in der Forschungsergebnisse, die sonst die wissenschaftlichen Fachkreise nicht verlassen, für die Allgemeinheit zugänglich gemacht werden.
Der Holz-Kuppelbau weist einen Durchmesser von 39 Meter und eine Höhe von 21 Meter auf, die gesamte Nutzfläche beläuft sich auf rund 4.160 Quadratmeter. In den unterschiedlichen Bereichen sollen Ausstellungen, wissenschaftliche Konferenzen und Mediengespräche stattfinden. Besonders eindrucksvoll ist das oberste Geschoss, das mit einem 360-Grad-Ausblick die Umgebung erschließt.
Das Gebäude besteht aus zwei von einander unabhängigen Strukturen: einer kuppelförmigen Gitterschalenkonstruktion aus Brettschichtholz und einem Haupttragwerk aus Stahl.
Inspiration Mammutbaum
Inspiration für die Holzkonstruktion lieferte laut den Architekten von HOT DESIGN der Mammutbaum. Er gilt als lebendes Fossil und ist abgesehen von den US-Bundesstaaten Oregon und Kalifornien auch in einem kleinen Gebiet in Zentralchina heimisch. Der Baum ist bekannt dafür, dass seine Wurzeln ein Geflecht mit denen anderer Bäume bildet. So entsteht ein stabiles Konstrukt, das es ihm erlaubt, Höhen von bis zu 100 Metern zu erreichen.
Ähnlich wie die Baumriesen erhebt sich die Holzkonstruktion stammförmig von der Mitte des Gebäudes und verbreitert sich nach oben hin, um am Rand des kugelförmigen Raumes wieder abzufallen.
Das Geflecht des Holzgitters symbolisiert die gegenseitige Unterstützung und das gemeinsame Wachstum unterschiedlicher Disziplinen, Fachgebiete und Teams.
HOT DESIGN, Architekturbüro
Während die Glasvorhangfassade den kompletten Bau überspannt, bildet die Holzgitterschale eine geometrische Form aus, die einem Apfelgehäuse gleicht. „Das Geflecht des Holzgitters symbolisiert die gegenseitige Unterstützung und das gemeinsame Wachstum unterschiedlicher Disziplinen, Fachgebiete und Teams, die kontinuierlich nach akademischem Vorsprung streben“, heißt es vonseiten des Architekturbüros.
Hyberbolisches Zollinger-Tragwerk
Die Gitterkonstruktion aus Brettschichtholz sei die erste ihrer Art in China. Die Konstruktion basiert auf einem hyperbolischen Zollinger-Tragwerk. Diese Systembauweise, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland entwickelt wurde, kommt aufgrund ihrer ressourcen- und raumsparenden Konstruktion heute wieder vermehrt zum Einsatz. Das Stabnetztragwerk bildet das Gerüst für die Glasvorhangfassade.
Das Holz bildet im Inneren einen Kontrast zu den geschwungenen, metallischen Auskragungen der Geschossebenen und den spiegelnden Glasbrüstungen. Die Ebenen ragen stützenfrei in den Raum und sollen mit ihrer eloxierten Aluminiumverblendung und dem ultraweißen Glas den Eindruck von technologischem Fortschritt vermitteln.
Holz trifft Hightech-Ästhetik
Die komplett integrierte Haustechnik verstärkt das futuristisch anmutende Ambiente weiter. Kreisförmige Technikelemente umspannen den Erschließungskern und verpacken Leuchten, Klimaanlage und Sprinkler unter einer glatten Metall-Decke. Diese Hightech-Ästhetik lässt beim Gebäudeinneren ein wenig an Raumschiff Enterprise denken. Auch von außen, vor allem wenn der Kuppelbau nachts zu einem Leuchtkörper wird, wirkt die Szenerie wie aus einem Science-Fiction-Film.
Die Außenbeleuchtung besteht zu einem großen Teil aus Spots, die in einer exakt konzentrischen Formation in den Boden um das Gebäude eingelassen sind. Zusammen mit dem umgebenden Landschaftspark bildet sie die Demarkierung für den exakten Mittelpunkt des CANNANO Parks. Mit der Fertigstellung des Exhibition Centers, in dessen Orbit die Forschungsgebäude für Nanotechnologie angesiedelt sind, ist die architektonische Konstellation komplett.
Text: Gertraud Gerst
Fotos: Juan Liu